Freitag, 15. November 2013

Die Mutter am Christabend (Weihnachtsgedicht)

von Johann Peter Hebel

Er schläft, er schläft! Das ist einmal ein Schlaf!
So recht, du lieber Engel du!
Tu mir die Lieb' und lieg in Ruh',
Gott gönnt es meinem Kind im Schlaf!

Erwach mir nicht, ich bitt', ich bitt'!
Die Mutter geht mit stillem Tritt,
sie geht mit zartem Muttersinn,
und holt den Baum zur Kammer hin.

Was häng' ich dir denn an?
'nen Pfefferkuchenmann,
ein Kätzelchen, ein Spätzelchen,
und Blumen bunt und süß und weich,
und alles ist von Zuckerteig.

Genug, du Mutterherz!
Viel Süßigkeit bringt Schmerz.
Gib sparsam wie der liebe Gott.
Tagtäglich nützt kein Zuckerbrot.

Jetzt rote Äpfel her,
die schönsten, die ich haben kann!
Es ist auch nicht ein Fleckchen dran,
wer hat sie schöner, wer?
Es ist wahr, es ist 'ne Pracht,
was so ein Apfel lacht.

Der Zuckerbäcker wär' ein Mann,
der solche Äpfel machen kann!
Den hat nur Gott gemacht.
Was hab' ich denn noch mehr?

Ein Tüchelchen, hübsch weiß und rot,
es ist eins von den schönen,
o Kind, vor bitt'ren Tränen
bewahr' dich Gott, bewahr' dich Gott.

Was häng' ich sonst noch hin?
Dies Büchlein, Kind, ist auch noch dein,
da leg' ich Bilder dir hinein,
Gebete sind von selber drin.

Jetzt wär' genug wohl da?
Jetzt hast du alles Gute
der Tausend! Ja, 'ne Rute,
die fehlte noch, da ist sie ja!

Vielleicht - sie freut dich nicht
schon elf? Wie doch die Zeit verrinnt!
Man merkt die Stunden nicht,
wenn's Herz an etwas Nahrung findt.

Jetzt - Gott behüte dich,
ein andermal denn mehr!
Heut war es, wo der heil'ge Christ
ein Kind wie du gworden ist.
Werd' auch so brav wie er!

Johann Peter Hebel (1760-1826)

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