Dienstag, 26. November 2013

Ein Lied, hinterm Ofen zu singen (Weihnachtsgedicht)

von Matthias Claudius

Der Winter ist ein rechter Mann,
Kernfest und auf die Dauer,
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an
Und scheut nicht Süß noch Sauer.

War je ein Mann gesund, ist er's,
Er krankt und kränkelt nimmer,
Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeur
Und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an
Und lässt's vorher nicht wärmen,
und spottet über Fuß und Zahn
Und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiß er sich nichts zu machen,
Haßt warmen Drang und warmen Klang
Und alle warmen Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn's Holz im Ofen knittert
Und um den Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert.

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
Und Teich und See krachen,
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
Dann will er sich totlachen.

Sein Schloss vor Eis liegt ganz hinaus
Beim Nordpol an dem Strande,
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort, bald hier,
Gut Regiment zu führen,
Und wenn er durchzieht, stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.

Matthias Claudius (1740-1815)

Weihnachtliche Bücher und CD's

Blogverzeichnisse

Blogverzeichnis Suchmaschinenoptimierung mit Ranking-Hits RSS Feed