Freitag, 1. November 2013

Vorweihnachtliche Zeit (Weihnachtsgeschichte)

von Wilhelm von Kügelgen

Acht Tage vor dem Fest pflegte sich der Dresdener Altmarkt mit einem
ganzen Gewimmel höchst interessanter Buden zu bedecken, die abends
erleuchtet waren und große Augenlust gewährten. Das Glitzern der mit
Rauschgold, mit bunten Papierschnitzeln und goldenen Früchten
dekorierten Weihnachtsbäume, die hellerleuchteten kleinen Krippen
mit dem Christkinde, die gespenstischen Knechte Ruprechts, die
Schornsteinfeger von gebackenen Pflaumen, die eigentümlich weihnacht-
lichen Wachsstockpyramiden in allen Größen, endlich das
Gewühl der Käufer und höfliche Locken der Verkäufer, das alles regte
festlich auf. Hier drängten auch wir uns des Abends gar zu gern umher,
schwelgend in dem ahnungsreichen Dufte der Tannen, der Wachs-
stöcke, Pfefferkuchen und Striezeln, die in einer von Wickelkindern
entlehnten Gestalt, reichlich mit Zucker bestreut, vor allen zahlreichen
Bäckerbuden auslagen und Löwenappetit erregten. Nach genauester
Prüfung alles Vorhandenen kauften wir dann einige kleine grüne oder
rote Wachsstockpyramiden, auf Kartenblätter gewickelt, das Stück zu
einem Pfennig, sogenannte Pfefferkuchenzungen zu demselben Preis
oder ein paar Bogen bunten Papiers, um unsere Privatbescherung
damit auszustatten.
Inziwschen konnten wir in unserm Eifer den vom Kalender angege-
benen Zeitpunkt nie ganz erwarten und fingen schon an vorhergenden
Abenden an, in Alköven oder anderen verdachtlosen Winkeln unseren
Kram geschmacklos aufzustellen, zündeten einige Wachsstockschnitt-
chen dabei an und überraschten uns dann gegenseitig unaufhörlich, bis
der wahre Heilige Abend herankam und uns alle überraschte.

Wilhelm von Kügelgen (1802-1867)

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