Montag, 2. Dezember 2013

Ein Brief vom Christkindlein (Weihnachtsgedicht)

von Friedrich Güll

Der Vater spricht:

Wie ihr geschlafen habt heut nacht,
War’s mir, als hätt’s getropft
Ans Fenster; aber da hat sacht
Ein Engelein geklopft.

Oh, das war eine feine Stimm’,
Wie’s mich beim Namen rief:
„Da Vater, komm herbei und nimm,
Da hab’ ich einen Brief.

Den lese deinen Kindern vor,
Er ist vom heil’gen Christ.“
Drum horcht und lauscht mit leisem Ohr
Wie er geschrieben ist.

Ihr lieben, lieben Kinderlein!
Oh, seid mir ja recht fromm,
Dann leg’ ich euch was Schönes ein,
Wenn ich hernieder komm’.

Ihr lieben, lieben Kinderlein!
Oh, seid mir ja recht brav,
Dann leg’ ich euch was Schönes ein,
Wenn ihr noch liegt im Schlaf.

Und wenn die Kinder sind im Traum,
Dann, Vater, mach mir auf,
Dann bring’ ich einen großen Baum
Mit vielen Lichtern drauf.

Dem Engelein von purem Gold
Hab’ ich sein Klein gemacht,
Wie wird das Flimmern wunderhold
In der stockfinstern Nacht.

Und an den Zweigen hängen rings
vom Zucker Stern an Stern,
Und goldne Nüsse rechts und links
Süß wie ein Mandelkern.

Und in dem Gärtchen untendran,
Da sitzen Schaf und Lamm,
Und Küchlein, Hennen und der Hahn
Mit seinem roten Kamm.

Doch folgen dir die Kinder nicht,
Und musst du zanken oft,
So komm’ ich diesen Winter nicht,
Denn ich seh’s unverhofft.

Dann lass’ ich meinen Baum im Wald,
Und heb’ die Sachen auf,
Und bringe einen Stecken halt
Und eine Rute drauf.

Friedrich Güll (1812-1879)

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