Sonntag, 1. Dezember 2013

Wiegenlied (Weihnachtsgedicht)

von Clemens von Brentano

Da droben auf dem Turme,
Da wehet der Wind,
Da wiegt im Sturme,
Der Adler sein Kind.

Hier unten im Turme,
Hier wehet kein Wind, Hier betet die Mutter und wieget ihr Kind,
Und hat von der Wiege
Zur Krippe ein Band
Von Glaube und Hoffnung
Und Liebe gespannt.

Weit über die Meere
Die Sehnsucht sie spinnt,
Dort sitzt Maria
Und wieget ihr Kind,
Die Engel, die Hirten,
Drei König und Stern,
Und Öchslein und Eslein
Erkennen den Herrn.

Wohl über dem Monde
Und Wolken und Wind
Mit Zepter und Krone
Steht Jungfrau und Kind.
Hier unten ward’s Kindlein
Am Kreuz ausgepsannt,
Dort oben wiegt’s Himmel
Und Erd’ auf der Hand.

Komm mit, lass uns fliegen
Zu Maria geschwind,
Komm mit! Und lern biegen
Dein Knie vor dem Kind,
Kommt mit! schnürr dein Bündlein,
Schon führt die Hand
Maria dem Kindlein,
Es segnet das Land.

Clemens von Brentano (1886-1965)

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