Sonntag, 15. Juni 2014

Der Weihnachtsbaum (Weihnachtsgeschichte)

von Richard Hughes

Es war Heiligabend, und der Weihnachtsbaum stand fertig
geschmückt für die Feiertage da. Aber kaum waren alle zu
Bett gegangen, als die Spielsachen, die am Baum hingen,
miteinander zu reden und zu tuscheln begannen.
"Es wäre doch ein rechter Spaß", sagten sie, "wenn wir
alle heruntersteigen und uns verstecken würden."
Sie kletterten also alle vom Baum herunter und ließen ihn ganz kahl
zurück und versteckten sich - einige hinter den Schränken, und einige
hinter den Heizröhren, und einige hinter den Büchern auf den Regalen
im Wohnzimmer und wo es ihnen sonst noch einfiel.
Am ersten Feiertag kamen die Kinder herunter und wünschten einander
fröhliche Weihnachten: Aber als sie ihren entzückenden Baum
ganz kahl da stehen sahen mit nicht einmal einem einzigen Knallbobon
mehr daran, da weinten und weinten sie heiße Tränen.
Als sie die Kinder weinen hörten, schämten sich die Spielsachen gehörig
wegen des unartigen Streichs, den sie ihnen gespielt hatten: Trotzdem
aber mochten sie nicht recht aus ihren Verstecken hervorkommen,
während jemand herumstand. Sie warteten also, bis alle in die Kirche
gegangen waren, und dann schlüpften sie hervor.
"Ich weiß!" sagte die Arche Noah und sprach mit all ihren Stimmen
zugleich, "Ich hab' eine Idee!"
Sie führte also die anderen Spielsachen zum Haus hinaus und in die
Stadt, und da trennten sie sich und suchten sich ihren Weg durch die
Hintertür in jeden Spielzeugladen und in jeden Süßigkeitsladen.
Einmal drinnen, luden sie alle Spielsachen und alle Süßigkeiten zu einer
großen Gesellschaft ein, die sie gäben, und führten sie zurück zum
Haus. "Hier ist es, wo wir unsere Gesellschaft geben", sagten sie und
zeigten auf den Weihnachtsbaum. So kletterten denn alle die neuen
Spielsachen zu den Zweigen des Baum hinauf und hängten sich dran.
Es war wahrhaftig kaum genug Platz für sie alle, denn es waren nun
zehnmal soviel da als vorher.
Die ganze Zeit in der Kirche hatten die Kinder still hinter ihren
Gesangbüchern in sich hineingeweint und waren noch immer ziemlich
traurig, als sie nach Hause kamen ; aber als sie ihren Weihnachtsbaum
erblickten mit zehnmal soviel Geschenken daran, als vorher dagewesen
waren, und mit zehnmal soviel Kerzen, die einander lieblich anstrahlten,
da lachten sie und klatschten in die Hände und jauchzten vor
Freude und sagten, in ihrem ganzen Leben hätten sie noch niemals
einen so bezaubernden Weihnachtsbaum gesehen!

Richard Hughes (1900-1976)

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