Dienstag, 1. Juli 2014

Erwartung (Weihnachtsgedicht)

von Karl Gerok

Die Kindlein sitzen im Zimmer -
Weihnachten ist nicht mehr weit -
bei traulichem Lampenschimmer
und jubeln: "Es schneit! Es schneit!"

Das leichte Flockengewimmel,
es schwebt durch die dämmernde Nacht
herunter vom hohen Himmel,
vorüber am Fenster so sacht.

Und wo ein Flöckchen im Tanze
den Scheiben vorüberschweift,
da flimmert's in silbernem Glanze,
vom Lichte der Lampe bestreift.

Die Kindlein seh'n 's mit Frohlocken.
Sie drängen ans Fenster sich dicht,
Sie verfolgen die silbernen Flocken ...
Die Mutter lächelt - und spricht:

"Wisst, Kinder, die Englein scheidern
im Himmel jetzt früh und spät.
An Puppendecken und Kleidern
wird auf Weihnachten genäht.

Da fällt von Säckchen und Röckchen
manch silberner Flitter beiseit',
vom Bettchen manch' Federflöckchen.
Auf Erden sagt man "Es schneit!"

Und seit ihr recht lieb und vernünftig,
ist manches für euch auch bestellt.
Wer weiß, was Schönes euch künftig
vom Tische der Engelein fällt!"

Die Mutter spricht's. Vor Entzücken
den Kleinen das Herze da lacht.
Sie träumen mit seligen Blicken
hinaus in die zaub'rische Nacht.

Karl Gerok (1815-1890)

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