Montag, 1. September 2014

Die verschwundene Puppe (Weihnachtsgedicht)

von Heinrich Seidel

Was war das heute für ein Schreck!
Denkt euch: Elisabeth ist weg,
die schöne, große Puppe!
Gleich nach der Morgensuppe,
da wollt' ich eilig zu ihr gehn -
oh weh, da war sie nicht zu sehn!

Ich hatte in den Wagen
doch selber sie getragen
und ihr das Kissen fein geklopft
und ihr die Decke eingestopft,
nun war das liebe Bettchen leer -
da schrie sie laut und weinte sehr.

So schön und heil war sie ja noch!
Sie hatte nur im Kopf ein Loch,
auch fehlte die Perücke -
ein Arm ging ihr in Stücke.
Die Nase war zerschmettert,
weil sie so gerne klettert,
 dabei vom Schrank gefallen war.
Sonst war sie heil noch ganz und gar.

Ach niemand könnt' mir sagen,
wer sie davongetragen,
die mir so lieb gewesen ist.
Bei Onkel Heinrich fragt' ich an.
Der dachte nach und sagte dann:
"Vielleicht hat sie der Weihnachtsmann
und heilt sie in der Klinik aus,
in seinem Puppenkrankenhaus.
Dort kriegt sie viel Rhabarber ein
und wird dann wieder hübsch und fein.

Vielleicht kommt sie mail wieder
und hat dann heile Glieder,
ein neues Seidenkleid dazu
mit Spitzen - feuerrote Schuh'
und Locken, wie von reinem Gold
und ist so lieb und ist so hold,
daß du sie gar nicht wiederkennst
und sie nur Frau Prinzessin nennst.

Ach, wenn das ist, ach, wenn das wär',
da freut' ich mich erschrecklich sehr,
und tischhoch wollt' ich springen
und wollt' ein Loblied singen
dem lieben, guten Weihnachtsmann,
der alles hat und alles kann!

Heinrich Seidel (1842-1906)

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