Mittwoch, 15. Oktober 2014

Der furchtsame Rabe (Weihnachtsgedicht)

von Julius Lohmeyer

Es steht ein weißer Mann da drüben
seit gestern schon am Bäckerhaus;
wie eine von den roten Rüben
sieht seine lange Nase aus.

Er hat es auf mich abgesehen,
denn immer glotzt der fremde Mann,
wo ich nur hüpfen mag und stehen,
mich mit den schwarzen Augen an.

In fröhlich wimmelndem Gewirre
umgibt ihn muntrer Knaben Schar:
doch scheint mir, wenn ich mich nicht irre,
daß gestern er noch dicker war.

Nein, niemals sah ich solch ein Wesen
so lang ich mich erinnern kann;
und hielt der Kerl nicht einen Besen,
ich wagte näher mich heran.

Vorüber wagt sich doch die Katze
und eben noch das junge Huhn,
und jener rührt sich nicht vom Platze -
am Ende kann er gar nichts tun!

Und was die kleinen Spatzen wagen,
das wagt doch wohl ein Raben-Held,
nur möcht ich erst den Mühlspatz fragen,
was er von dem Gesellen hält.

Der Mühlspatz sagt: Ich sollt' mich schämen,
der Kerl sei aus Schnee gemacht.
Ich könnt getrost die Rübe nehmen,
das gäb ein leckres Mahl zur Nacht.

Er wagt den Schneemann zu umkreisen,
doch kaum trifft ihn sein dunkler Blick,
da fasst Entsetzen unsern Weisen,
und ganz bestürzt kommt er zurück.

Der Mühlspatz spricht:" Du bist ein Hase!
Warum stahlst du die Rübe nicht?
Du sahst doch, daß es keine Nase -"
Worauf der Rabe würdig spricht:

"Ja, Rüben sind sehr unterschiedlich,
sieh, das verstehst du nicht, mein Kind;
ich finde Rüben nicht app'titlich,
die Nasen gar so ähnlich sind.

Julius Lohmeyer (1834-1903)

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